kultur- und diskriminierungssensible Beratung
in Psychologie/ Soziale Arbeit und psychosozialen Berufen
4 Tage · Online/ Präsenz
inkl. FIFSI-Zertifikat
Gruppengröße: max. 16 Teilnehmende
Termine: Siehe Terminübersicht
Kosten: 950€
Kursleitung: Shiraz Maysum (er/ ihm) M.A.

KONZEPT & ANSATZ.
Beratung findet nie außerhalb gesellschaftlicher Wirklichkeit statt. Biografien, kulturelle Prägungen, Migrationserfahrungen und soziale Lebensbedingungen beeinflussen, wie Menschen Belastungen erleben, Unterstützung suchen und Beziehungen gestalten. Viel zu oft sind Betroffene in der Position in Beratungssituationen Bildungs- und Aufklärungsarbeit leisten zu müssen. Das belastet mehrere professionelle Ebenen parallel. Aber vor allem den von Diskriminierung betroffenen Menschen.
Rassismus und weitere Diskriminierungsverhältnisse wirken parallel auf Chancen, Zugehörigkeit und psychische, sowie körperliche Gesundheit. Eine kultur- und diskriminierungssensible Beratung nimmt diese Zusammenhänge ernst, ohne individuelle Erfahrungen auf Herkunft, Kultur oder gesellschaftliche Positionierungen zu reduzieren und stattdessen entsprechend zu berücksichtigen. Die Lebensgeschichte der ratsuchenden Person bildet den Ausgangspunkt, nicht eine vermeintliche kulturelle Gruppenzugehörigkeit.
Die Fortbildung vermittelt hierfür eine wissenschaftlich fundierte, lebensweltorientierte und machtkritische Perspektive. Sie untersucht, wie Migration, Sozialisation und biografische Erfahrungen im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen individuelle Lebensrealitäten prägen.
Kulturelle Orientierungen werden dabei weder als statische Eigenschaften noch als vorschnelle Erklärungen verstanden. Vielmehr werden Zugehörigkeit, soziale Ungleichheit, institutionelle Bedingungen und intersektionale Verschränkungen berücksichtigt. So erweitert sich das professionelle Fallverstehen um Kontexte, die im Beratungsgespräch oft nicht unmittelbar sichtbar werden. Biographische bzw. lebensweltliche Unsicherheit, Erfahrungen mit Behörden oder ungleiche Zugänge zu Versorgung bzw. Ressourcen verdeutlichen, wie stark Handlungsmöglichkeiten von Rahmenbedingungen abhängig sein können. Ein besonderer Fokus richtet sich auf die doppelte Unsichtbarkeit diskriminierungsbezogener Belastungen. Wiederholte Abwertung, strukturelle Benachteiligung und ihre möglichen Folgen bleiben für nicht betroffene Fachkräfte mitunter verborgen; auch Betroffene können solche Erfahrungen normalisieren, eigene Belastungen individualisieren oder deren Zusammenhänge erst allmählich erkennen.
Konzepte wie Racial Battle Fatigue, Soziale Hypervigilanz, internalisierter Rassismus und Weathering dienen dazu, diese Mechanismen fachlich einzuordnen, ohne aus ihnen vorschnelle Diagnosen oder pauschale Zuschreibungen abzuleiten, aber dazu dienen sollen die komplexe Situation von Betroffenen verständlicher und nachvollziehbarer werden zu lassen, um diese in das fachliche Fallverständnis bestmöglich transferieren zu können.
Was im Beratungskontext zunächst als mangelnde Mitwirkung, Überempfindlichkeit oder Rückzug erscheint, kann vor diesem Hintergrund auch eine Reaktion auf wiederkehrende Abwertung sein. Das FIFSI Awareness-Gap-Modell eröffnet hierzu eine zusätzliche Reflexionsebene: Zwischen der erlebten Wirklichkeit einer Person und dem, was professionelle Fachkräfte wahrnehmen und einordnen können, besteht eine veränderbare, nie vollständig aufhebbare Differenz. Professionalität bedeutet daher auch, eigene Wahrnehmungsgrenzen, Deutungsmacht und institutionelle Routinen zu erkennen. Die Selbstdeutungen von Klient:innen sind dabei unverzichtbar; mögliche Zusammenhänge werden dialogisch erschlossen, statt stellvertretend festgelegt. Beobachtung, Interpretation und fachliche Hypothesen werden dabei konsequent voneinander unterschieden.
Auf dieser Grundlage entwickelt die Fortbildung eine professionsübergreifende Beratungshaltung für Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen und psychosoziale Beratungsfachkräfte. Sie verbindet fachliche Urteilskraft mit professioneller Selbstreflexion und einer Beziehungsgestaltung, die Anerkennung, Vertrauen und Selbstbestimmung stärkt. Ziel sind tragfähige Beratungsbeziehungen und Hilfegestaltungen, die an individuellen Lebenswirklichkeiten ansetzen, Missverständnisse reduzieren und bedarfsgerechte Unterstützung ermöglichen. Dabei werden die unterschiedlichen professionellen Aufträge, Verantwortlichkeiten und institutionellen Handlungsspielräume mitbedacht.
Methodisch ist die Fortbildung in zwei zweitägige Präsenzblöcke gegliedert, zwischen denen eine vierwöchige Transferphase mit einer praxisbezogenen Aufgabe liegt. Die ersten drei Seminartage verbinden wissenschaftliche Impulse, angeleitete Reflexion und fachliche Vertiefung; der vierte Tag ist als praktische Methodenwerkstatt konzipiert. Fallvignetten, biografische Fallrekonstruktionen, Beratungssimulationen und kollegiale Fallarbeit ermöglichen, das erworbene Wissen in unterschiedliche professionelle Handlungskontexte zu übertragen, alternative Vorgehensweisen zu erproben und das eigene Beratungshandeln kritisch auszuwerten.
PROBLEMATISIEREN.
Professionelle Beratung setzt voraus, individuelle Lebensrealitäten in ihrer biografischen, kulturellen und gesellschaftlichen Vielschichtigkeit zu erfassen. Migrationserfahrungen, Sozialisation, soziale Ungleichheit und institutionelle Machtverhältnisse prägen persönliche Handlungsspielräume und beeinflussen, wie Belastungen wahrgenommen, verarbeitet und kommuniziert werden. Besonders bedeutsam sind jene Folgen von Rassismus und Diskriminierung, die sich der unmittelbaren Wahrnehmung entziehen. Während Fachkräften hierfür mitunter Erfahrungswissen und fachliche Bezugspunkte fehlen, können auch Betroffene gesellschaftlich bedingte Belastungen normalisieren oder als persönliche Defizite interpretieren. Diese doppelte Unsichtbarkeit wirft grundlegende Fragen nach professioneller Wahrnehmung, Deutungsmacht und der Angemessenheit fachlicher Einschätzungen auf. Sie bildet einen zentralen Ausgangspunkt der Fortbildung.
INFORMIEREN.
Die Fortbildung vermittelt wissenschaftlich fundierte Perspektiven auf Migration, Biografie, Identitätsentwicklung, Lebensweltorientierung, Intersektionalität und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Die Teilnehmenden untersuchen, wie individuelle Erfahrungen mit sozialen und institutionellen Bedingungen zusammenwirken und welche Bedeutung dies für professionelles Fallverstehen besitzt. Besondere Aufmerksamkeit gilt den psychosozialen, emotionalen und körperlichen Auswirkungen wiederkehrender Diskriminierung, darunter Racial Battle Fatigue, Hypervigilanz, internalisierter Rassismus, Minderheitenstress und Weathering. Das FIFSI Awareness-Gap-Modell erschließt die Grenzen professioneller Wahrnehmung und eröffnet eine machtkritische Reflexion fachlicher Deutungsprozesse. Darauf aufbauend werden Grundlagen diskriminierungssensibler Kommunikation, professioneller Beziehungsgestaltung und ressourcenorientierter Beratung vertieft und mit den Anforderungen unterschiedlicher Berufsfelder verbunden.
TRAINIEREN.
Der abschließende Fortbildungstag ist vollständig als praxisorientierte Methodenwerkstatt konzipiert. Anhand differenzierter Fallvignetten, biografischer Fallrekonstruktionen und realitätsnaher Beratungssimulationen übertragen die Teilnehmenden ihre theoretischen Erkenntnisse auf komplexe berufliche Handlungssituationen. Im Mittelpunkt stehen das Erkennen bislang unbeachteter Einflussfaktoren, die Überprüfung eigener Fallhypothesen sowie die Gestaltung vertrauensvoller, diskriminierungssensibler Beratungsbeziehungen. Strukturierte Beobachtung, wechselnde Gesprächsrollen, kollegiale Fallarbeit und fachlich angeleitete Rückmeldungen ermöglichen eine differenzierte Auseinandersetzung mit Wahrnehmungsgrenzen, Kommunikationsprozessen und professionellen Handlungsalternativen. Die praktische Erprobung verbindet dabei psychologische, sozialarbeiterische und psychosoziale Beratungsperspektiven und stärkt die Fähigkeit, erworbenes Wissen situationsangemessen und reflektiert anzuwenden.
TRANSFERIEREN.
Die Fortbildung verbindet zwei zweitägige Präsenzblöcke durch eine vierwöchige, berufsbegleitende Transferphase. Eine freiwillige, eigenständige Transferaufgabe eröffnet den Teilnehmenden die Möglichkeit, erworbene Erkenntnisse auf ihren Arbeitsalltag zu beziehen, bisherige Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zu überprüfen und neue Fragestellungen zu entwickeln. Die gewonnenen Erfahrungen werden im zweiten Fortbildungsblock fachlich aufgegriffen, reflektiert und in die praktische Kompetenzentwicklung einbezogen. Ziel ist die nachhaltige Verankerung einer kultur- und diskriminierungssensiblen Grundhaltung, die individuelles Fallverstehen vertieft, professionelle Beziehungsgestaltung stärkt und Beratungsprozesse bedarfsgerechter gestaltet. Damit fördert die Fortbildung eine reflektierte Handlungskompetenz, die Vertrauen, Beteiligung, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit von Klient:innen unterstützt.


CURRICULUM ÜBERSICHT.
Das Curriculum verbindet lebensweltorientiertes Fallverstehen, Diskriminierungssensibilität und machtkritische Beratungspraxis. Zunächst erwerben die Teilnehmenden Kompetenzen, um Migration, Biografie, Sozialisation und gesellschaftliche Machtverhältnisse in professionellen Einschätzungen differenziert zu berücksichtigen. Darauf aufbauend lernen sie, häufig unsichtbare psychosoziale, emotionale und körperliche Folgen von Rassismus zu erkennen und fachlich einzuordnen. Nach einer vierwöchigen Transferphase vertiefen sie die Reflexion eigener Wahrnehmungsmuster und Deutungsmacht sowie die diskriminierungssensible Gestaltung tragfähiger Beratungsbeziehungen. Abschließend werden diese Kompetenzen in einer praxisorientierten Methodenwerkstatt anhand komplexer Fallanalysen, Beratungssimulationen und kollegialer Reflexion erprobt und auf unterschiedliche berufliche Beratungskontexte übertragen.
01
Migration, Biographie & Sozialisation
Biografie und Lebenswelt bilden Grundlagen professioneller Beratung. Untersucht wird, wie Migration, familiäre und gesellschaftliche Sozialisation, Identitätsentwicklung und Zugehörigkeit individuelle Erfahrungen prägen. Die Teilnehmenden erschließen das Zusammenspiel persönlicher Lebensgeschichten, sozialer Bedingungen und Ressourcen als Grundlage eines differenzierten, kontextsensiblen Fallverstehens.
02
Lebenswelt, Macht & Ungleichheit
Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse und ihrer Bedeutung für individuelle Lebensrealitäten. Im Mittelpunkt stehen soziale Ungleichheit, institutionelle Strukturen, Privilegien und Normalitätsvorstellungen. Eine intersektionale und machtkritische Perspektive erschließt, wie unterschiedliche Positionierungen Handlungsspielräume beeinflussen und welche Bedeutung dies für professionelle Beratung besitzt.
03
Rassismus & unsichtbare Belastung
Auseinandersetzung mit Rassismus und seinen häufig unsichtbaren psychosozialen und körperlichen Folgen. Racial Battle Fatigue, Soziale Hypervigilanz, internalisierter Rassismus, Minderheitenstress und Weathering werden fachlich und lebensweltorientiert eingeordnet. Im Fokus steht, wie Belastungszusammenhänge sowohl beratenden Fachkräften als auch betroffenen Menschen selbst verborgen bleiben können.
04
Awareness Gap &
Fallverstehen
Das FIFSI Awareness-Gap-Modell erschließt die Differenz zwischen erlebter Lebenswirklichkeit und professioneller Wahrnehmung. Reflektiert werden Erfahrungswissen, institutionelle Routinen, Deutungsmacht und fachliche Vorannahmen. Die Teilnehmenden üben, Beobachtung und Interpretation zu unterscheiden, Selbstdeutungen einzubeziehen, Fallhypothesen differenziert zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren.
05
Fallverstehen & Mehrperspektivität
Die 4-wöchige Transferphase wird aufgegriffen, um professionelle Grundhaltung und Beratungspraxis zu vertiefen. Im Mittelpunkt stehen machtkritische Selbstreflexion, Beziehungsgestaltung und diskriminierungssensible Kommunikation. Erarbeitet wird, wie Vertrauen, Beteiligung, Ressourcenorientierung und Selbstwirksamkeit tragfähige Beratungsbeziehungen und bedarfsgerechte Unterstützung fördern.
06
Methodenwerkstatt & Praxistransfer
Die abschließende Methodenwerkstatt dient vollständig der praktischen Erprobung. Mit Fallvignetten, biografischen Rekonstruktionen und Beratungssimulationen reflektieren die Teilnehmenden eigene Deutungen, trainieren Gesprächsführung und entwickeln professionelle Handlungsalternativen. Kollegiales Feedback unterstützt den Transfer in psychologische, sozialarbeiterische und psychosoziale Beratungskontexte.
ZIELGRUPPE.
Die Fortbildung richtet sich an Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Sozialarbeiter:innen, Sozialpädagog:innen sowie Fachkräfte psychosozialer Beratungsberufe, die Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen professionell beraten und begleiten. Angesprochen sind Fachkräfte, die ihr Verständnis biografischer und gesellschaftlicher Einflussfaktoren vertiefen, diskriminierungsbedingte Belastungen differenzierter erkennen und ihre Kompetenzen in kultursensibler, machtkritischer und diskriminierungssensibler Beratung weiterentwickeln möchten.
WAS DU LERNST.
→ Biografische und lebensweltliche Zusammenhänge erschließen und verstehen, wie Migration, Sozialisation, Identitätsentwicklung und gesellschaftliche Lebensbedingungen individuelle Erfahrungen, Ressourcen, Belastungen und Beratungsbedarfe prägen.
→ Gesellschaftliche Macht- und Diskriminierungsverhältnisse analysieren und intersektional einordnen, wie soziale Positionierungen, institutionelle Strukturen und gesellschaftliche Ungleichheiten individuelle Handlungsspielräume und Zugänge zu Unterstützung beeinflussen.
→ Häufig unsichtbare Auswirkungen von Rassismus erkennen und fachlich einordnen, psychosoziale, emotionale und körperliche Belastungsmechanismen verstehen und berücksichtigen, weshalb diese Zusammenhänge auch Betroffenen selbst verborgen bleiben können.
→ Professionelle Wahrnehmungs- und Deutungsprozesse kritisch reflektieren und mithilfe des FIFSI Awareness-Gap-Modells eigene Vorannahmen überprüfen, individuelle Selbstdeutungen einbeziehen und differenzierte, fachlich begründete Fallhypothesen entwickeln.
→ Tragfähige und diskriminierungssensible Beratungsbeziehungen gestalten und durch machtkritische Selbstreflexion, professionelle Kommunikation und Ressourcenorientierung Vertrauen, Beteiligung, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit im Beratungsprozess stärken.
→ Kultur- und diskriminierungssensible Handlungskompetenz praktisch erproben und anhand von Fallvignetten, biografischen Rekonstruktionen, Beratungssimulationen und kollegialer Reflexion konkrete Handlungsperspektiven für unterschiedliche professionelle Beratungskontexte entwickeln.
4 TAGE/
32 UE
online oder in Präsenz
PAX
16
max. Teilnehmer:innen
950
€
Gebühr/ Person
TERMINE.
2027/
22./ 23. Februar & 26./ 27. April 2027 (Online)
13./ 14. Mai & 24./ 25. Juni (Online)
01./ 02. & 22./ 23. Juli (Präsenz)
30./ 31. August & 27./ 28. September (Online)
15./ 16. November & 13./ 14. Dezember (Präsenz)
Präsenztermine: TBA aber in Mainz/ Wiesbaden
950 €




DOZENT:IN/
Shiraz Maysum M.A. (er/ihm)
Shiraz’ Arbeitsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Sozialer Arbeit, Sozialpsychologie, politischer Bildung und machtkritischer Bildungsarbeit. In der Fortbildung verbindet er biografie- und lebensweltorientierte Perspektiven mit wissenschaftlichen Zugängen zu Rassismus, Diskriminierung und ihren psychosozialen Auswirkungen. Im Mittelpunkt stehen die Reflexion professioneller Wahrnehmungs- und Deutungsprozesse sowie die Entwicklung einer kultur- und diskriminierungssensiblen Beratungshaltung, die differenziertes Fallverstehen, tragfähige Beratungsbeziehungen und professionelles Handeln stärkt.

