Feminismus in muslimischen Communities -
Selbstbestimmung, Macht und Profession

1 Tag · Online · FIFSI-Teilnahmebescheinigung

Gruppengröße: max. 12 Teilnehmende

Termine: Siehe Terminübersicht

Kosten: 190€

Kursleitung: Sadia Hübsch (sie/ ihr) M.A.

KONZEPT & ANSATZ.

„Wo Macht ist, ist auch Widerstand“ – mit dieser Formel hat Michel Foucault ein Grundprinzip seiner Machtanalyse auf den Punkt gebracht: Macht ist keine einseitig von oben wirkende Kraft, sondern stets von Gegenbewegungen begleitet, die in ihrem Inneren entstehen. Kollektiver, machtkritischer Widerstand gegen herrschende Ordnungen ist kein modernes Spezifikum, sondern ein historisch tief verwurzeltes Merkmal sozialer Gemeinschaften. Im Kontext patriarchaler Verhältnisse wird diese Gegenbewegung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Begriff des Feminismus gefasst – mit der irreführenden Konsequenz, dass es zuvor keine vergleichbaren Bestrebungen gegeben habe. Tatsächlich sind Gemeinschaften seit jeher mit Machtkritik, Emanzipation und der Neuverhandlung von Positionen befasst. Feminismus ist insofern weniger eine Erfindung als die begriffliche Bündelung und Politisierung bestehender Praktiken.

Die Formen, die Feminismus annimmt, sind keineswegs universell. Sie spiegeln geopolitische und ökonomische Gegebenheiten wider, prägen diese zugleich mit und verdichten sich zu je spezifischen Kulturen des Feminismus. Das gilt auch für muslimisch geprägte Gesellschaften. Hier ist methodische Vorsicht geboten: Eine subjektive, von außen angetragene Bewertung der Verhältnisse kann den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge verstellen. Neben religiöser Prägung beeinflussen Kolonialgeschichte, ökonomische Abhängigkeiten, politische Systeme, Klassenverhältnisse und Urbanisierungsprozesse ihre Entwicklung. Erst die Zusammenschau dieser Faktoren ermöglicht ein differenziertes Verständnis der feministischen Ansätze, die in diesen Kontexten entstanden sind.

Eine besondere Rolle kommt realen Vorbildern zu: Frauen, die in muslimisch geprägten Gesellschaften einflussreiche Positionen innehatten oder gesellschaftliche Debatten maßgeblich geprägt haben. Dabei ist jeweils zu prüfen, welche Rolle Religion für ihre Forderungen spielte und inwiefern auch die muslimische Theologie selbst feministisch geprägt wurde. Ebenso bedeutsam ist die Gegenwart: Muslimische Frauen gestalten feministische und gesellschaftliche Debatten aktiv mit. Besonders aufschlussreich ist dabei, wie sie ihr Selbstverständnis als Frau und als Muslima miteinander verbinden und welche Wirkmacht daraus erwächst – ein Zusammenspiel, das sich nicht als Widerspruch, sondern als eigenständige Synthese verstehen lässt.

Die Fortbildungsteilnehmenden lernen in diesem Zusammenhang die Lebensrealitäten muslimisch geprägter Jugendlicher sowie deren individuelle Bezugspunkte und Orientierungsrahmen kennen. Dies fördert ein differenziertes Verständnis primärer und sekundärer Sozialisationsprozesse aus kultursensibler Perspektive. Es schafft zugleich eine wichtige Grundlage für fachlich fundierte Beziehungs- und Bindungsarbeit in der pädagogischen Praxis.

Für Fachkräfte der Jugendarbeit ist diese Perspektive keine akademische Zutat, sondern unmittelbar praxisrelevant. Sie sind in ihrer Arbeit der Menschlichkeit, den Menschenrechten und den Schutzrechten von Kindern und Jugendlichen verpflichtet und befinden sich damit in einem fortlaufenden Reflexionsprozess. Das Verständnis feministischer Debatten innerhalb muslimischer Communities – und der Einblick, wie muslimische Jugendliche diese führen – unterstützt dabei in doppelter Hinsicht: Es dient der Reflexion der eigenen Position und professionellen Haltung und eröffnet Wege zum Empowerment. Ziel ist eine respektvolle, authentische und kultursensible Beziehungsarbeit. Entsprechende Werkzeuge sollen den Teilnehmenden helfen, diese Reflexion und Stärkung in ihrer täglichen Arbeit umzusetzen.

Unsere Fortbildungen folgen einem reflexiven Lernverständnis, das fachliche Erkenntnis nicht bei der Wissensvermittlung enden lässt: Wir problematisieren bestehende Selbstverständlichkeiten, fundieren sie theoretisch, erproben neue Analyse- und Handlungsperspektiven und übertragen diese auf konkrete Praxiszusammenhänge.

 

PROBLEMATISIEREN.
Muslimisch geprägte Menschen erleben in gesellschaftlichen Debatten häufig paternalistische Bewertungen ihrer religiösen Überzeugungen und moralischen Vorstellungen. Insbesondere bei feministischen Positionierungen wird dabei mitunter erwartet, religiöse Zugehörigkeit und individuelle Identität zu trennen. Diese Erwartung kann gesellschaftliche Aushandlungsprozesse erschweren und Rückzug oder bewusste Gegenpositionierungen gegenüber dominanten Diskursen begünstigen.


INFORMIEREN.
Feministische Ansätze werden in ihrer Vielfalt und gesellschaftlichen Verortung betrachtet. Dabei finden muslimische Lebensrealitäten und innerislamische Diskurse als eigenständige Perspektiven auf Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit Berücksichtigung. Die Auseinandersetzung verdeutlicht, wie kulturelle, soziale und religiöse Erfahrungen feministische Positionen prägen und warum Feminismus nicht auf eine westlich geprägte Sichtweise reduziert werden kann.


TRAINIEREN.
Die theoretischen Inhalte werden anhand konkreter Handlungssituationen vertieft. Innerislamische Debatten, unterschiedliche Rollenbilder und individuelle Positionierungen dienen dabei als Grundlage für die gemeinsame Analyse. Die Auseinandersetzung mit muslimischen Vorbildern (Role Models) fördert die Reflexion eigener Deutungsmuster und normativer Vorstellungen. So wird ein professioneller Umgang mit Perspektiven gestärkt, die von den eigenen Überzeugungen abweichen.


TRANSFERIEREN.
Die Teilnehmenden übertragen eine reflektierte, kultursensible Haltung in ihre berufliche Praxis. Sie lernen, Situationen und Verhaltensweisen vor dem Hintergrund individueller Sozialisationsbedingungen und gesellschaftlicher Machtverhältnisse differenziert einzuordnen. Feministische Perspektiven werden dabei in das professionelle Handeln integriert, wobei unterschiedliche Lebensrealitäten, Wertvorstellungen und Identitätsentwürfe berücksichtigt werden.

CURRICULUM ÜBERSICHT.

Das Curriculum verbindet feministische Grundlagen mit gesellschaftlicher Machtanalyse, muslimischen Perspektiven und professioneller Reflexion. Die sechs Schwerpunkte bauen aufeinander auf und führen von Widerstand und Teilhabe über die kritische Auseinandersetzung mit Deutungshoheit, Frauenbildern und Vorbildern bis zu Empowerment und kultursensibler Praxis.

01

Feminismus: Formen, Notwendigkeit

Einführend wird der Feminismus definiert und in unterschiedliche Formenstrukturiert, um gleichzeitig die Notwendigkeit und die Grenzen dieser Formen darzulegen: Die Grundlage für das Verständnis von muslimisch geprägtem Feminismus.

02

Widerstand 
& Teilhabe

Ein allein theoretisches Konstrukt des Feminismus gibt es nicht. Er zeigt sich vor allem durch die Bestrebungen des Widerstands und auch der Forderung nach Teilhabe. Hier stellt sich vor allem die Frage auf welche Ressourcen zurück gegriffen werden kann.

03

Against white 
feminism?

Warum die Brille des weißen Feminismus zu einem Irrweg führt und kontraproduktiv, gar destruktiv wirkt, zeigt sich in vielen politischen Debattenund den daraus resultierenden Ausgrenzungserfahrungen muslimisch geprägter Feminist:innen.

04

Islamische 
Frauenbilder

Eine feministische Quranexegese und die theologisch begründeten Rechte und Pflichten von Frauen, haben maßgeblichen Einfluss auf die Fragen, die sich muslimisch geprägte Feminist:innen stellen und welche möglichen Antworten sie präsentieren.

05

Vorbilder & muslimische Stimmen

Sowohl historisch, als auch in der heutigen Zeit gibt es zahlreiche Frauen, diesich absichtlich oder unbeabsichtigt als Vorbilder anbieten und auchJugendliche in besonderer Form prägen.

06

Empowerment 
& Echoing

Wie können Fachkräfte ihre eigene Reflexion als stille Basis nutzen um Empowerment zu schaffen und feministische Ansätze in ihrer Arbeit zuverstärken und widerhallen zu lassen?

ZIELGRUPPE.
Die Fortbildung richtet sich an Sozialpädagog:innen, Sozialarbeiter:innen,Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen, Fachkräfte angrenzender Disziplinen sowie fachlich Interessierte, die sich fundiert mit feministischen Ansätzen in der muslimisch geprägten Community, einer kultursensiblen Begegnung im eigenen Arbeitsbereich und dem selbstreflektierten Umgang mit Diversität in der Debattenkultur auseinandersetzen möchten.


WAS DU LERNST.
→ Die Entstehungsgeschichte des Feminismus sowie dessen historische Prägungen und Auswirkungen im Globalen Norden und Globalen Süden nachvollziehen und kritisch einordnen.

→ Das eigene Feminismusverständnis reflektieren und die Hierarchisierung unterschiedlicher Widerstandsformen kritisch hinterfragen.

→ Einblicke in die islamische Theologie im Hinblick auf Frauenbilder sowie in historische und gegenwärtige muslimische Vorbilder (Role Models) gewinnen.

→ Muslimisch geprägte feministische Positionierungen erkennen, differenziert einordnen und in ihrer Entwicklung fördern.

→ Bewährte Empowerment-Methoden auf den eigenen beruflichen Kontext übertragen, praktisch anwenden und Räume für einen gleichberechtigten, offenen und respektvollen Austausch schaffen.

1 TAG/ 

8 UE

online

PAX 

12

max. Teilnehmer:innen

190

€

Gebühr/ Person

TERMINE.

2026/
30. November (online)

Die Termine für das kommende Jahr werden zeitnah veröffentlicht.

DOZENT:IN/

Sadia Hübsch M.A. (sie/ ihr)
Sadias Arbeitsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von politischer Bildung, Menschenrechtsbildung und rassismuskritischer Jugendarbeit. Die Politologin beschäftigte sich bereits in ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit Menschenrechtsbildung in muslimischen Verbänden und bringt umfassende Erfahrung aus der sozialpädagogischen Praxis mit. In der Fortbildung verbindet sie feministische und machtkritische Perspektiven mit Fragen zu Selbstbestimmung, Empowerment und professioneller Haltung.

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