
ONLINE oder in PRÄSENZ
Fortbildung
"Kritisches Weisssein in sozialen Arbeitsfeldern - Rassismuskritische Reflexion von Macht, Privilegien und Identität"

PROFIL.
Kritisches Weißsein ist eine analytische Perspektive, die den Blick von den Betroffenen auf die Verursacher von Rassismus wechselt (Arndt & Eggers 2004). Ruth Frankenberg hingegen bestimmt Weißsein als Ort struktureller Vorteile und rassifizierter Privilegien und zugleich als Standpunkt, während Peggy McIntosh weißes Privileg mit einem unsichtbaren, schwerelosen Rucksack voller besonderer Ausstattungen vergleicht und Sara Ahmed Weißsein als Gewohnheit und als Hintergrund sozialen Handelns beschreibt. Die Fortbildung folgt dieser Linie und beschäftigt sich mit struktureller Verantwortung und dem Vorrang Weißsein intersektional mit Klasse, Geschlecht und Sexualität zu verknüpfen.
Den ersten Schwerpunkt bildet weißes Privileg als systemischer Vorteil: Repräsentation, in der die eigene Gruppe in Medien und Führungspositionen als Norm erscheint, Sicherheit gegenüber anlasslosen Kontrollen und rassistischer Gewalt, institutionelle Vorteile bei Wohnungs- und Arbeitssuche, individuelle Freiheit in der ein Fehler als Einzelfall gilt und nicht als Merkmal einer ganzen Gruppe. Daran anschließend behandelt die Fortbildung weiße Normativität: Weißsein als unhinterfragter Nullpunkt, an dem alle anderen Lebensrealitäten als Abweichung gemessen werden - verankert in Sprache, Bildern und Denkmustern, sichtbar in Lehrplänen, Pflastern, Kosmetik und Puppen.
Der zweite Schwerpunkt liegt auf weißer Fragilität und ihren psychologischen Grundlagen. Kognitive Dissonanz erklärt den inneren Konflikt zwischen dem Selbstbild des gerechten Menschen und der Erkenntnis, Teil eines rassistischen Systems zu sein und davon zu profitieren. Rassistische Sozialisation zeigt, wie koloniale Narrative und hierarchische Denkmuster von Kindheit an internalisiert und als objektive Realität erlebt werden. Fehlendes Training im Umgang mit rassismusbezogenem Stress erklärt, weshalb bereits geringe Konfrontationen als existenzielle Bedrohung wirken und Fight-, Flight- oder Freeze-Reaktionen auslösen: Wut und Gegenangriff, Themenwechsel und Schweigen, Erstarrung etc.. Hinzu kommen Projektion und Schuldumkehr, in denen die kritisierende Person als überempfindlich oder aggressiv umgedeutet wird, sowie gefühlte Viktimisierung, in der der Schmerz der weißen Person das Zentrum der Aufmerksamkeit einnimmt. Ergänzend erschließt die Fortbildung Dominanzkultur, Deutungshoheit und epistemische Umdeutung als jene Mechanismen, die Erfahrungen von BIPoC in subjektive Einzelfälle verwandeln.
Aus dieser Analyse folgt der Prozess des Verlernens: Reflexion der eigenen Sozialisation, Zuhören als Zentrierung von Perspektiven und Erfahrungen von BIPoC, Dezentrierung von Weißsein als universellem Maßstab und Machtabgabe im Sinne eines aktiven Abbaus rassistischer Barrieren.
Für soziale Arbeitsfelder wird dieser Prozess zur Qualitätskompetenz. Er schärft den Blick dafür, welche Normen in Fallverstehen, Diagnostik und Beziehungsgestaltung mitlaufen, und übersetzt Selbstreflexion in professionelle Verantwortung: genauer sehen, genauer sprechen, konsequenter handeln.

AUF EINEN
BLICK.
Umfang: 1 Tage · 08 UE à 45 Min.
Format: Online oder in Präsenz
Zeiten: 09:00 – 16:30 Uhr
Gruppengröße: max. 20 Teilnehmende
Termine: Siehe Terminübersicht
Methodik: Fachinput, Zitatarbeit, moderierte Kleingruppenphasen, Thesenquiz, Selbstreflexionsimpulse, Fallarbeit und Transferrunde
Abschluss: FIFSI-Teilnahmebescheinigung
Materialien: Fortbildungsbegleitende Arbeitsmaterialien und Präsentationsfolien zur Nachbereitung und fachlichen Vertiefung
Kosten: 220€
Kursleitung: Shiraz Maysum M.A.
CURRICULUM.
Vier aufeinander aufbauende Blöcke führen von Macht, Normalität und Diskriminierungsverhältnissen als Grundlagen professioneller Wahrnehmung zur Anwendung auf Fallverstehen, Kommunikation und Handlungspraxis.
Tag 1 — Macht, Normalität und Diskriminierungsverhältnisse
Block 1 — Machtkritik, Normalität und professionelle Deutungsmacht
Der erste Block verortet Soziale Arbeit als machtvolle Praxis. Erarbeitet werden zunächst gurndlegende Begrifflichkeiten und Definitionen wie Macht, Machtkritik, Normalität, Deutungsmacht, Bias, Privilegien und epistemische Gewalt. Untersucht wird, welche Vorstellungen von Kooperation, Gefährdung, Belastbarkeit, Bildung, Sprache, Familie und Lebensführung fachliche Wahrnehmungen und Bewertungen prägen.
Professionelle Macht wird anhand von Beziehungen, Wissen, Ressourcen und institutionellen Entscheidungen untersucht. Sie kann Handlungsspielräume eröffnen, Rechte schützen und Grenzen sichern, aber auch Zugänge erschweren, Abhängigkeiten verstärken und Lebenssituationen durch festschreibende Deutungen verengen. Die Verbindung von Wahrnehmung, Kategorisierung, Dokumentation und Entscheidung verdeutlicht die institutionelle Wirkung fachlicher Einschätzungen.
Das doppelte und dreifache Mandat sowie Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession bilden weitere Gegenstände. Menschenrechte dienen als Prüfmaßstab für Beteiligung, Selbstbestimmung, Nichtdiskriminierung, Verhältnismäßigkeit und Nachvollziehbarkeit. Organisatorische Verbindlichkeit allein begründet keine fachliche Legitimität institutioneller Aufträge.
Einzelreflexionen und Fallbezüge erschließen eigene Normalitätsannahmen, gesellschaftliche Positioniertheit und professionelle Deutungsmacht.
Block 2 — Diskriminierungsverhältnisse und intersektionale Perspektiven
Der zweite Block behandelt Klassismus, Rassismus, Sexismus, Adultismus, Ableismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit sowie weitere Formen struktureller Ungleichheit. Ihre Besonderheiten und individuellen, institutionellen und strukturellen Wirkungsweisen werden eingeordnet.
Intersektionalität erschließt ihr Zusammenwirken: wie soziale Lage, zugeschriebene Zugehörigkeiten, Sorgeverantwortung und institutionelle Zugangsbedingungen Lebenssituationen prägen, ohne Konstellationen auf einzelne Merkmale zu reduzieren oder Diskriminierungsverhältnisse gleichzusetzen.
Die Anerkennung von Wissen und Erfahrung wird daraufhin untersucht, wann Aussagen als glaubwürdig gelten, Selbstdeutungen übergangen oder durch professionelle Erklärungen ersetzt werden.
Das Awareness-Gap-Modell nach Maysum/FIFSI beschreibt die Differenz zwischen erlebter Wirklichkeit und professionell zugänglicher Wahrnehmung. Erfahrungsdistanz, Normalitätsannahmen und institutionelle Filter werden als Ursachen möglicher Wahrnehmungslücken untersucht. Fallarbeit bezieht diese Perspektive auf Kommunikation, Fallverstehen und die Zugänglichkeit professioneller Methoden.
Tag 2 — Fallverstehen, Kommunikation und professionelle Handlungspraxis
Block 1 — Machtkritisches Fallverstehen und methodische Einordnung
Der zweite Tag beginnt mit der Reflexion eigener Privilegien und unterschiedlicher Ressourcenzugänge und Handlungsmöglichkeiten. Komplexitätsreduktion, Kategorisierung, automatische Bewertungen, Bestätigungstendenzen und sich selbst bestätigende Erwartungen werden als Einflüsse auf professionelle Urteile untersucht. Zeitdruck und hohe Fallbelastung können Deutungen zusätzlich verengen und verfestigen.
Im Zentrum steht die Unterscheidung von Beobachtung, Interpretation, Bewertung und Zuschreibung. Multiperspektivisches Fallverstehen verbindet fachliche Einordnung und institutionellen Auftrag mit der Selbstdeutung der betroffenen Person. Berücksichtigt werden soziale und materielle Bedingungen, Diskriminierungserfahrungen sowie professionelle Erwartungen und Interaktionen.
Psychologische Perspektiven auf Scham, Stress und Schutzreaktionen ergänzen die Analyse. Rückzug, Vermeidung, Widerspruch oder Anpassung werden auf Funktionen und vorausgehende Belastungen untersucht, statt unmittelbar als Defizite eingeordnet zu werden. Alternative Erklärungen bleiben vorläufige Hypothesen.
Die Matrix machtkritischen Fallverstehens umfasst Beobachtung, Selbstdeutung, Kontext, Funktion und Belastung, professionellen Anteil sowie Hypothesenprüfung. Arbeitshypothesen werden anhand von Belegen, Gegenbelegen, Informationsbedarf, Prüfwegen und möglichen Folgen einer Fehleinschätzung bearbeitet. Ergebnis sind eine vorläufige Arbeitshypothese, eine benannte Wahrnehmungslücke und ein nächster Klärungsschritt.
Block 2 — Kommunikation, professionelle Sprache und fachliche Selbstverortung
Der abschließende Block unterscheidet Diskriminierungsberichte und diskriminierende Aussagen hinsichtlich Gesprächsauftrag, Schutzbedarf und angemessener Intervention.
Bei Diskriminierungsberichten stehen die Anerkennung des Erlebens, die Klärung von Geschehen und Kontext sowie der Unterstützungsbedarf im Mittelpunkt. Anerkennung wird von abschließender rechtlicher oder institutioneller Bewertung unterschieden. Weitere Gegenstände sind Transparenz über Vertraulichkeit und Handlungspflichten, Entscheidungsspielräume und nächste Schritte.
Bei diskriminierenden Aussagen geht es um die Benennung konkreter Abwertungen, Verantwortungsübernahme und den Schutz Betroffener. Reflexion soll ermöglicht werden, ohne Diskriminierung zu verharmlosen oder Menschenwürde und Gleichwertigkeit zur Verhandlung zu stellen.
Eine Kommunikationsmatrix verbindet Machtreflexion, mögliche Beschämung, Schutzreaktionen und fachliche Klarheit. Ergänzend werden die Kommunikation von Sorge, Grenzen und institutionellen Aufträgen sowie Sprache in Dokumentation und Hilfeplanung bearbeitet. Abschließend entwickeln die Teilnehmenden eine fachliche Selbstverortung und konkrete Praxisvorhaben.
WAS ERWARTET DICH?
• Eine fachlich fundierte Einführung in Grundlagen machtkritischer und diskriminierungssensibler Sozialer Arbeit
• Ein vertieftes Verständnis dafür, wie Macht, Normalitätsannahmen, Deutungsmacht und Bias professionelles Wahrnehmen und Handeln prägen
• Die Auseinandersetzung mit zentralen Diskriminierungs- und Machtverhältnissen wie Klassismus, Rassismus, Sexismus, Adultismus, Ableismus, Antisemitismus und Queerfeindlichkeit
• Eine Einführung in Intersektionalität als Analyseperspektive für komplexe Lebensrealitäten und verschränkte Ungleichheitsverhältnisse
• Die Beschäftigung mit epistemischer Gewalt und der Frage, wessen Erfahrungen, Perspektiven und Deutungen in professionellen Kontexten gehört, anerkannt oder übergangen werden
• Die Reflexion eigener Wahrnehmungslücken, Privilegien und Normalitätsannahmen anhand des eigenentwickelten Awareness-Gap-Modells
• Psychologische Perspektiven auf Wahrnehmung, Scham, Abwehr, Schutzstrategien, Stigma, Stress und Beziehungsgestaltung
• Anwendungsbezogene Impulse für machtkritisches Fallverstehen, diskriminierungssensible Kommunikation und professionelle Selbstverortung
• Methodische Orientierung für die Einbindung von Macht- und Diskriminierungsverhältnissen in die eigene fachliche Praxis
• Eine Stärkung professioneller Klarheit im Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit, institutioneller Verantwortung und machtvollen Beziehungskonstellationen
WEITERES.
ZIELGRUPPE.
Die Fortbildung richtet sich an Fachkräfte der Sozialen Arbeit, Psychologie und angrenzender Handlungsfelder:
- Fachkräfte in beratenden, pädagogischen und psychosozialen Tätigkeitsfeldern
- Fachkräfte, die Unterstützungsbedarfe bestimmen und Menschen in Hilfeprozessen begleiten
- Mitarbeitende, die Berichte, Stellungnahmen und Hilfeplanungen verfassen oder an Fallbesprechungen mitwirken
- Fachkräfte, die Diskriminierungserfahrungen aufnehmen und diskriminierende Aussagen in professionellen Zusammenhängen bearbeiten
- Leitungskräfte mit Verantwortung für fachliche Standards, Teamprozesse und institutionelle Rahmenbedingungen
TEILNAHMEVORAUSSETZUNG.
- Bereitschaft zur Reflexion eigener Wahrnehmungen, Normalitätsannahmen und professioneller Deutungen
- Bereitschaft zur gemeinsamen Bearbeitung von Fallbeispielen und beruflichen Handlungssituationen
- Vertraulicher Umgang mit den in der Fortbildung eingebrachten Praxisbezügen und persönlichen Erfahrungen
Die Fortbildung ist als Grundlagenangebot angelegt. Zentrale Begriffe, theoretische Perspektiven und methodische Zugänge werden gemeinsam erarbeitet. Bei Fragen zur fachlichen Passung wenden Sie sich gerne an uns.
DOZENT.
Shiraz Maysum M.A. (er/ihm) - Konzeption und Durchführung der Fortbildung.
Expertise in den Arbeitsschwerpunkten: machtkritische und diskriminierungssensible Soziale Arbeit/ Sozialpsychologie, politische Bildung und Professionsethik. In der Fortbildung verbindet er gesellschaftliche und institutionelle Machtanalyse mit psychologischen Perspektiven auf Wahrnehmung, Urteilsbildung und Beziehungsgestaltung.

TERMINE.
1. Durchgang — abgeschlossen 09.–10. Februar · 02.–03. März · 23.–24. März · 13.–14. April 2026
2. Durchgang — ausgebucht, Aufnahme auf die Warteliste möglich 08.–09. Juni · 15.–16. Juni · 22.–23. Juni · 29.–30. Juni 2026
3. Durchgang — Plätze verfügbar 31. August–01. September · 28.–29. September · 26.–27. Oktober · 30. November–01. Dezember 2026
425 €





ORGANISA-
TORISCHES.
Anmeldung
Die Anmeldung erfolgt über den FIFSI-Fortbildungsshop. Dort ist die Fortbildung unter dem Titel „Grundlagen machtkritischer & diskriminierungssensibler Sozialer Arbeit“ verlinkt.
Teilnahmeumfang
Die Fortbildung umfasst zwei Veranstaltungstage. Voraussetzung für die Ausstellung der Teilnahmebescheinigung ist die vollständige Teilnahme.
Arbeitsmaterialien
Fortbildungsbegleitende Unterlagen und Präsentationsfolien werden zur Nachbereitung und weiteren fachlichen Vertiefung bereitgestellt.
Es gelten unsere AGB und Datenschutzbestimmungen.
HAUSRECHT UND
TEILNAHMEAUSSCHLUSS.
Unsere Seminare, Fortbildungen und Fachveranstaltungen sind Lern-, Reflexions- und Begegnungsräume. Damit diese Räume professionell und verantwortungsvoll gestaltet werden können, braucht es klare Grundlagen. Als solche als bewusst zu verstehende, diskriminierende, menschenverachtende, antidemokratische oder entwürdigende Aussagen und Handlungen haben in unseren Veranstaltungen keinen Platz. Wir behalten uns vor, von unserem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen von der Teilnahme auszuschließen oder aus laufenden Veranstaltungen zu entfernen, wenn sie vor, während oder im Zusammenhang mit einer unserer Veranstaltungen entsprechend in Erscheinung treten. Dies gilt für Präsenzveranstaltungen ebenso wie für digitale Formate. Es kann dann auch ein Ausschluss für zukünftige Veranstaltungen, Seminare, Fortbildungen oder andere Formate von FIFSI e. V. gelten. Juristisch ist dieser Grundsatz in unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen verankert, ethisch und fachlich wird er durch unsere Werte- und Ethikordnung vertieft und präzisiert.

