Online-Fortbildung
"Grundlagen machtkritischer/ diskriminierungssensibler Sozialer Arbeit"
Soziale Arbeit bewegt sich in einem Spannungsfeld aus Hilfe, Schutz, Kontrolle, Beziehung, Deutung und institutioneller Verantwortung. Fachkräfte begleiten Menschen in belasteten Lebenslagen, formulieren Einschätzungen, dokumentieren Entwicklungen, gestalten Hilfeprozesse und wirken an Entscheidungen mit, die für Adressat*innen weitreichende Folgen haben können. Damit ist sozialarbeiterisches Handeln immer auch in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebunden. Vorstellungen von Normalität, Kooperation, Einsicht, Gefährdung, Erziehungsfähigkeit, Bildung, Körper, Sprache, Familie und Lebensführung prägen, wie Situationen wahrgenommen, beschrieben und professionell bearbeitet werden.
Die Fortbildung „Grundlagen machtkritischer/ diskriminierungssensibler Sozialer Arbeit“ eröffnet einen fundierten Zugang zu diesen Zusammenhängen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Macht in sozialarbeiterischer Praxis wirksam wird: in professionellen Deutungen, institutionellen Aufträgen, Hilfeplanung, Beratung, Schutzkontexten, Dokumentation und Beziehungsgestaltung. Dabei werden zentrale fachliche Bezugspunkte wie das dreifache Mandat, die menschenrechtliche Rahmung Sozialer Arbeit, professionelle Deutungsmacht und die Herstellung von Normalität in sozialen Institutionen aufgegriffen.
Ein besonderer Fokus liegt auf Diskriminierungs- und Machtverhältnissen wie Klassismus, Rassismus, Sexismus, Adultismus, Ableismus und weiteren Formen gesellschaftlicher Ungleichheit. Diese werden in ihrer Bedeutung für sozialarbeiterisches Fallverstehen, Kommunikation und institutionelles Handeln betrachtet. Intersektionalität dient dabei als Analyseperspektive, um komplexe Lebensrealitäten differenziert zu erfassen und das Zusammenwirken verschiedener Machtverhältnisse sichtbar zu machen.
Ergänzt wird diese Perspektive durch psychologische Zugänge zu Wahrnehmung, Scham, Abwehr, Schutzstrategien, Stigma, Stress und Beziehungsgestaltung. Das Awareness-Gap-Modell bildet eine Brücke zwischen Privilegienreflexion und professioneller Verantwortung: Eigene Leerstellen, Nicht-Erfahrungen und Normalitätsannahmen werden als fachlich relevante Aspekte sozialarbeiterischen Handelns reflektiert.
Die Fortbildung verbindet theoretische Grundlagen mit Reflexion und praxisnaher Anwendung. Anhand von Beispielen, Fallbezügen und methodischen Impulsen setzen sich die Teilnehmenden damit auseinander, wie Machtverhältnisse professionelles Handeln prägen und wie eine diskriminierungssensible, intersektionale und verantwortliche Praxis gestärkt werden kann. Ziel ist eine fachliche Auseinandersetzung, die Soziale Arbeit in ihrer machtvollen Rolle ernst nimmt und zugleich Handlungssicherheit, Reflexionsfähigkeit und professionelle Klarheit fördert.
Curriculum
Diese zweitägige Fortbildung führt in zentrale Grundlagen machtkritischer Sozialer Arbeit ein und verbindet gesellschaftsanalytische, professionsethische, psychologische und reflexive Perspektiven. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Macht, Normalitätsannahmen, Diskriminierungsverhältnisse und institutionelle Aufträge sozialarbeiterisches Wahrnehmen und Handeln prägen. Bearbeitet werden grundlegende Begriffe und Konzepte wie Deutungsmacht, das dreifache Mandat, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession, Intersektionalität und das Awareness-Gap-Modell. Die Fortbildung eröffnet einen fachlichen Rahmen, um professionelle Praxis diskriminierungssensibel, machtkritisch und lebensweltorientiert weiterzuentwickeln.
Tag 1: Macht, Normalität und Diskriminierungsverhältnisse
Block 1: Soziale Arbeit als machtvolle Praxis
Zu Beginn wird Soziale Arbeit als professionelle Praxis betrachtet, die Menschen unterstützt, begleitet und schützt, zugleich aber auch deutet, bewertet, dokumentiert, begrenzt und institutionell einordnet. Im Fokus steht die Frage, wie Macht in sozialarbeiterischen Beziehungen, Hilfeprozessen und Entscheidungen wirksam wird. Dabei werden verschiedene Formen professioneller Macht sichtbar gemacht, etwa Deutungsmacht, Entscheidungsmacht, Dokumentationsmacht, Beziehungsmacht und institutionelle Macht. Machtkritik wird hier als fachliche Grundlage verstanden, um diese Macht nicht zu verleugnen, sondern reflektiert und verantwortlich auszuüben.
Block 2: Dreifaches Mandat, Menschenrechtsprofession und fachliche Verantwortung
Dieser Block widmet sich den professionellen Spannungsfeldern Sozialer Arbeit. Das dreifache Mandat wird als Struktur eingeführt, in der Fachkräfte zwischen den Interessen und Rechten von Adressat*innen, institutionellen und staatlichen Anforderungen sowie der eigenen fachlich-ethischen Verantwortung handeln. Ergänzend werden menschenrechtliche Bezüge Sozialer Arbeit aufgegriffen, insbesondere Fragen von Würde, Teilhabe, Schutz, Selbstbestimmung und sozialer Gerechtigkeit. Im Zentrum steht, wie Fachkräfte in widersprüchlichen Aufträgen handlungsfähig bleiben können, ohne fachliche Verantwortung auf institutionelle Vorgaben oder persönliche Haltung zu verkürzen.
Block 3: Normalität, Deutungsmacht und professionelle Bewertung
In diesem Block wird herausgearbeitet, wie Vorstellungen von Normalität sozialarbeiterische Einschätzungen prägen. Begriffe wie „kooperativ“, „einsichtig“, „bildungsfern“, „verwahrlost“, „gefährdend“, „nicht erreichbar“, „belastbar“ oder „unterstützungsbedürftig“ erscheinen im professionellen Alltag häufig selbstverständlich, enthalten aber normative Annahmen über Familie, Bildung, Sprache, Körper, Verhalten, Erziehung, Ordnung und Lebensführung. Die Teilnehmenden setzen sich damit auseinander, wie professionelle Bewertungen entstehen, welche gesellschaftlichen Ordnungen darin wirksam werden und wie sich Beobachtung, Interpretation und Zuschreibung fachlich präziser unterscheiden lassen.
Block 4: Psychologische Perspektiven auf Wahrnehmung, Scham und Schutzreaktionen
Ergänzend zur gesellschaftsanalytischen Perspektive wird in diesem Block die psychologische Dimension professionellen Handelns betrachtet. Fachliche Wahrnehmung ist nie vollständig neutral, sondern wird durch Erfahrung, Unsicherheit, Vorannahmen, Beziehungserleben, Abwehr und institutionelle Routinen beeinflusst. Thematisiert werden unter anderem Bias, Attribution, Beschämung, Stress, Stigma, Misstrauen, Rückzug, Überanpassung und Schutzstrategien. Dadurch wird sichtbar, wie schnell Verhalten als fehlende Mitwirkung, Widerstand oder mangelnde Einsicht gelesen werden kann, obwohl zugleich soziale Belastung, Diskriminierungserfahrung oder institutionell gelernte Vorsicht wirksam sein können.
Block 5: Awareness Gap, Ismen und Intersektionalität
Der abschließende Block führt vom eigenen professionellen Standort zu gesellschaftlichen Diskriminierungs- und Machtverhältnissen. Das Awareness-Gap-Modell beschreibt die Leerstelle zwischen Nicht-Erfahrung, Nichtwissen und professioneller Verantwortung: Fachkräfte können nicht jede Lebensrealität selbst kennen, arbeiten aber mit Menschen, die von unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Ungleichheit betroffen sind. Ausgehend davon werden zentrale Machtverhältnisse wie Klassismus, Rassismus, Sexismus, Adultismus, Ableismus und weitere Diskriminierungsformen begrifflich eingeführt und auf sozialarbeiterische Praxis bezogen. Intersektionalität dient dabei als Analyseperspektive, um das Zusammenwirken verschiedener Machtverhältnisse zu verstehen und komplexe Lebensrealitäten differenzierter wahrzunehmen.
Tag 2: Fallverstehen, Kommunikation und professionelle Selbstverortung
Block 1: Machtkritisches Fallverstehen und intersektionale Analyse
Der zweite Fortbildungstag überträgt die Grundlagen des ersten Tages auf konkrete sozialarbeiterische Fallarbeit. Anhand von Fallvignetten wird erarbeitet, wie professionelle Einschätzungen entstehen und welche Rolle Machtverhältnisse, Normalitätsannahmen, Diskriminierungserfahrungen und institutionelle Aufträge dabei spielen. Im Mittelpunkt steht die Unterscheidung zwischen Beobachtung, Interpretation und Zuschreibung. Die Teilnehmenden prüfen, wie sich ein Fall verändert, wenn Klassismus, Rassismus, Sexismus, Adultismus, Ableismus oder weitere Machtachsen intersektional mitgedacht werden und welche Informationen notwendig sind, um nicht vorschnell defizitorientierte Hypothesen zu bilden.
Block 2: Vom Defizitblick zur machtkritischen Hypothese
Dieser Block vertieft die Frage, wie aus Verhalten professionelle Deutungen werden. Begriffe wie „unkooperativ“, „nicht einsichtig“, „überfordert“, „schwierig“, „verweigernd“ oder „nicht erreichbar“ werden fachlich geprüft und in ihren möglichen Wirkungen betrachtet. Dabei geht es darum, Verhalten nicht vorschnell als individuelles Defizit zu lesen, sondern soziale Lage, Scham, Diskriminierungserfahrungen, psychische Belastung, institutionelle Vorerfahrungen und Schutzstrategien mitzudenken. Ziel ist ein Fallverstehen, das fachlich klar bleibt und zugleich strukturelle Bedingungen, Lebensrealität und Beziehungserleben differenziert berücksichtigt.
Block 3: Machtsensible Kommunikation und Kommunikationsmatrix
Im Zentrum dieses Blocks steht die Frage, wie Fachkräfte in machtvollen Situationen klar, diskriminierungssensibel und beziehungsorientiert kommunizieren können. Anhand typischer Gesprächssituationen wird erarbeitet, wie Sorge, Grenzen, institutionelle Aufträge, Kritik oder Schutzbedarfe angesprochen werden können, ohne Beschämung, Abwertung oder unnötige Eskalation zu verstärken. Die Teilnehmenden entwickeln eine Kommunikationsmatrix, die fachlichen Auftrag, Machtverhältnis, mögliche Beschämung, Schutzreaktionen, machtsensible Formulierungen und nächste Handlungsschritte miteinander verbindet. So entsteht ein Werkzeug, das professionelle Klarheit und machtkritische Sensibilität zusammenführt.
Block 4: Dokumentation, Berichtssprache und Hilfeplanung
Dieser Block nimmt die schriftliche und institutionelle Seite sozialarbeiterischer Praxis in den Blick. Dokumentation, Berichte und Hilfepläne prägen, wie Menschen in Institutionen wahrgenommen werden und welche Entscheidungen daraus folgen. Die Teilnehmenden setzen sich damit auseinander, welche Formulierungen stigmatisieren, pathologisieren oder strukturelle Belastungen individualisieren können. Zugleich wird erarbeitet, wie Beobachtungen präziser, kontextbezogener und diskriminierungssensibler beschrieben werden können. Auch Hilfeziele werden auf Normalitätsannahmen, Lebensweltpassung, Barrieren, Ressourcen und mögliche versteckte Anpassungsforderungen geprüft.
Block 5: Fachliche Selbstverortung und Transfer in die Praxis
Zum Abschluss steht die eigene professionelle Rolle im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden reflektieren, welche Macht sie in ihrer Position ausüben, welche Privilegien und Normalitätsannahmen ihre Wahrnehmung prägen können und welche Leerstellen im Sinne des Awareness-Gap-Modells für ihre Praxis relevant sind. Diese Selbstverortung wird nicht als private Selbsterfahrung verstanden, sondern als Bestandteil fachlicher Verantwortung. Aus den bisherigen Inhalten werden konkrete Impulse für die eigene Praxis, für Fallbesprechungen, Kommunikation, Dokumentation, Hilfeplanung und Teamreflexion abgeleitet. Ziel ist es, machtkritische Soziale Arbeit nicht nur als Haltung, sondern als professionelle Praxis weiterzuführen.
Was erwartet dich?
• Eine fachlich fundierte Einführung in Grundlagen machtkritischer Sozialer Arbeit und ihre Bedeutung für professionelle Praxis, Fallverstehen und institutionelles Handeln
• Ein vertieftes Verständnis dafür, wie Macht, Normalitätsannahmen, Deutungsmacht und das dreifache Mandat sozialarbeiterische Beziehungen, Einschätzungen und Entscheidungen prägen
• Die Auseinandersetzung mit zentralen Diskriminierungs- und Machtverhältnissen wie Klassismus, Rassismus, Sexismus, Adultismus, Ableismus und weiteren Formen gesellschaftlicher Ungleichheit
• Eine Einführung in Intersektionalität als Analyseperspektive, um komplexe Lebensrealitäten differenzierter zu verstehen und Verkürzungen im Fallverstehen zu vermeiden
• Die Reflexion eigener Privilegien, Leerstellen und Normalitätsannahmen anhand des Awareness-Gap-Modells als Brücke zwischen Selbstreflexion und professioneller Verantwortung
• Psychologische Perspektiven auf Wahrnehmung, Scham, Abwehr, Schutzstrategien, Stigma, Stress und Beziehungsgestaltung in machtvollen professionellen Kontexten
• Praxisnahe Impulse für machtkritisches Fallverstehen, diskriminierungssensible Kommunikation, Dokumentation, Hilfeplanung und fachliche Selbstverortung
Teilnahmebescheinigung
Die Teilnehmenden erhalten nach vollständiger Teilnahme eine Teilnahmebescheinigung. Ergänzend werden ihnen die fortbildungsbegleitenden Arbeitsmaterialien sowie die Präsentationsfolien zur Nachbereitung und weiteren fachlichen Vertiefung zur Verfügung gestellt.
Weiteres
Kursleitung/ Referent:innen:
Shiraz Maysum (er/ ihm)
Termine 2026
jeweils von 09:00 Uhr - 16:30 Uhr/ 2 Tage
- 1. Durchgang: 24. & 25. August 2026
- 2. Durchgang: 16. & 17. November 2026
